Berliner Halbmarathon 2014: „Hot Town, Summer In The City“

30.März 2014

Hot town, summer in the city

Back of my neck getting dirty and gritty
Been down, isn’t it a pity
Doesn’t seem to be a shadow in the city…

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partnerschaftliche Ankunft im Startgebiet

7:10 Uhr. Der Wecker klingelt.
Nicht.
NICHT?!?
Tatsächlich! Ich habe zwar brav die Uhr um eine Stunde vorgestellt (ich VERFLUCHE den Erfinder der Sommerzeit!!!), aber vergessen, meinen Wecker auf 7:10 Uhr zu stellen. Solche Dinge passieren, sind aber ausgesprochen tagesstarterschwerend. Gottseidank funktioniert mein innerer Wecker etwas besser, um 7:27 schrecke ich hoch. Und wie!
Jetzt aber schnell: Manu, Lebensgefährtin, treue Begleiterin und in vier Wochen meine Ehefrau, duscht während ich zwei Buttertoast mit Honig und Nutella frühstücke, und los gehts. Die Hinfahrt ist dank (noch) nicht gesperrter Straßen zügig erledigt, und trotz fast 20-minütiger Verschlafung sind wir pünktlich um kurz nach Neun am Ort des Geschehens.
Zwischendurch kontaktiert mich noch die Michi und sagt mal eben ihren Lauf ab, Kondition zu schlecht, tja, das kommt vom mangelnden Trainingsfleiß… Ob mir mein Trainingsfleiß heute zu Ruhm und Ehre gereichen wird weiß ich ehrlich gesagt noch nicht so genau, die Sonne pfeffert mir jedenfalls schonmal ganz ordentlich auf die Glatze.

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Das letzte Morgenmahl (v.l.n.r.: Andreas, sein Schwiegersohn Mario, ich)

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Massenbewegung
















Und während es im Schatten noch ziemlich –schattig ist hat die sommerzeitmotivierte Sonne da ganz andere Ambitionen! Der Andreas, erfahrener Wettkampfabsolvierer und lieber Arbeitskollege sowie sein Schwiegersohn, welcher heute so wie ich im letzten Jahr sein Halbmarathon-Debüt feiert, treffen morgens halb zehn in Deutschland auf uns, und gemeinsam geht´s Richtung Startblock. Vorher bestehen wir noch ein Toilettenabenteuer, bedeutet: nach enormer Wartezeit erreichen wir glücklich und erleichtert unser Dixie-Klo.

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Gleich gehts los! Die Spannung wächst

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Suchbild mit Thomas















Anschließend parken wir unseren Debütanten in Block F, da wo ich im letzten Jahr auch gestartet bin, Andreas und ich begeben uns nach einem letzten kleinen Imbiss Richtung Block D, zu unserer Startposition.
Üblicherweise verzögert sich der Start etwas, da in mehreren Wellen gestartet wird. Vorteil: das 30.000-Läufer-Feld zieht sich relativ frühzeitig auseinander, gut für die eigene Laufgeschwindigkeit. Start-Matte passiert, Laufuhr gestartet, und dann bin ich auf der Piste. Jetzt wird sich zeigen, was die letzten drei Monate mir in läuferischer Hinsicht gebracht haben.

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nach dem Start: vereinsamte Klo´s. Das sah vor 15 Minuten noch gaaaanz anders aus…

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Was wir (Läufer) zurücklassen…














Sofort ergreift mich der zügige Flow, und die ersten 3 Kilometer laufen sich fast perfekt. Das Tempo passt und pendelt sich schnell im notwendigen Zielzeitfenster von knapp fünf Minuten pro Kilometer ein. Klar, ab und zu um die Mitläufer geschlängelt, bei einigen frage ich mich ernsthaft, warum die soweit vorn im Block starten, wenn sie doch schon zu Beginn seeehr langsam unterwegs sind, aber sonst alles schnieke.
Dann wird mir deutlichst wärmer. Mannomann, mein Wintertraining hat mich da nur sehr unzureichend vorbereitet! Kann ja keiner ahnen, dass ausgerechnet HEUTE der Sommer beschließt, stattzufinden. Und das, wo mir Wärme sowieso immer etwas zu schaffen macht. Irgendwas ausziehen geht nicht, ich habe eh´ nur Shirt und Shorts an. Deshalb nutze ich sehr dankbar bereits den ersten Getränkestand nach Kilometer 5, schon aus Angst, dass ein Wassermangel zu unangenehmen Begleiterscheinungen wie zum Beispiel Wadenkrämpfen führen könnte. Denn: ich schwitze! Aber nicht nur so ein bißchen, sondern in allgegenwärtiger praller Sonne ganz schön dolle! Tja, und zum erstenmal beginne ich zu ahnen, was bald mentale und körperliche Gewissheit wird: auweia, das wird knackig heute…

Bis Kilometer 8 oder so ist das alles noch mehr oder weniger locker wegzustecken, doch dann merke ich, wie mir die Sonne oder vielleicht auch die seeehr ungewohnte Temperaturentwicklung ordentlich zusetzt: mir wird ein wenig übel. Nicht stark, eher so unterschwellig, aber ich habe das Gefühl, meine Beine füllen sich mit Gummi. Eine ganz wundervolle Ablenkung von mir selbst bietet da ganz fraglos die absolut geile Kulisse der Zuschauer. Die feiern den Beginn des Sommers an der Laufstrecke und lassen uns Läufer daran teilhaben- deshalb LIEBE ich es, in Berlin zu laufen!

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Die Zunge hängt mir aus dem Halse…

Solche Ablenkung hält leider nicht ewig, und von Kilometer zu Kilometer wächst die Herausforderung. Immer haarscharf an der Zielzeitgrenze entlang, und ich bin sehr froh, aus der ersten Rennhälfte mit einem Hauch Zeitreserve zu kommen, denn ich kann mir spätestens bei Kilometer 12 beim besten Willen nicht mehr vorstellen, die Lauf-Pace auch nur um eine halbe Sekunde zu erhöhen. Die Kilometer 13 und 14 sind die in der zweiten Rennhälfte am, nun ja, –angenehmsten– zu laufenden, danach wird es einfach nur noch fies.

Bei Kilometer 17 greife ich mir einen Tee vom Versorgungsstand, in der Hoffnung, dass der noch ein paar Reserven weckt. Falls da noch welche sind. Ich habe bestimmt 10 Liter Wasser verloren.
Dann rempelt mich ein Mitläufer an, klar, aus Versehen, der will ja auch weiter, aber ich beschütte mich mit dem süßen Tee und meine Sonnenbrille wird ein klebriger Klumpen. Ich habe mich ja schon vorher nicht direkt wohlgefühlt, aber dieser harmlose Zwischenfall macht mich mental völlig fertig. Und wenn erstmal die Selbstzweifel kommen, hoioioi, dann steigt die Herausforderung mal wirklich! Dann nämlich wird jeder Meter zu einem Kampf, nix mehr Laufspaß, nix mehr Genusslauf.

Die letzten 3 Kilometer fühlen sich unglaublich schwierig an und sind es auch. Selbst die tollen und begeisterten Zuschauermassen und die Kiddies, die einen mit ausgestreckter Hand am Straßenrand abklatschen (und eines, dass voller Inbrunst ruft: „Papaaa, wann kommst du endliiiich?“), oder die Leute, die deinen Namen rufen, weil er auf der Startnummer steht, sie alle schaffen es nur sehr temporär, meine Laufmotivation zurückzubringen. Ich möchte einfach nur noch ankommen, ein schattiges Plätzchen finden und mich ausruhen. Die letzte Steigung auf der Leipziger Straße, knapp einen Kilometer vor´m Ziel, ist ein ausgesprochen gemeiner Höhepunkt im sportlichen Sinne. Meine linke Wade meldet sich, was solls. Wird schon irgendwie gehen, den letzten Kilometer.

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Yessss, I did it !!!

Hey, doch noch eine Motivationsspritze: meine liebe (Bald-)Frau steht rechts am Straßenrand, jubelt mir zu und schießt ein Prä-Zieleinlauf-Bild von mir! Dieser schöne An- und Augenblick lässt mich auf den letzten 500 Metern noch mal alle Reste rausholen, die noch da sind. Viel ist´s zwar nicht mehr, viel braucht es aber auch nicht mehr zu sein: die Ziellinie ist erreicht! Trotz brutaler Erschöpfung stoppe ich meinen Forerunner, 1:45:24 zeigt er an. Mal sehen, was das offizielle Ergebnis sagt:
1:45:19 !!!! Neue persönliche Bestzeit!!!! Zielzeit perfekt getroffen!!!!

In diesem Moment weiß ich: ich habe meine Sonnenschlacht gewonnen! Lustige Anekdote: meine Startnummer ist die 14518. Na, fällt euch da was auf? 😉
Ich bin jedenfalls fertig. In jeder Hinsicht. Wie in Trance durchwandere ich das Zieleinlaufgebiet, greife ein leckeres – nein: VERDAMMT leckeres alkoholfreies Bier! Ich könnte ewig so weitergehen, denke ich mir, die Sonne hat mein Hirn weggebrutzelt und meine Beine reagieren einfach vollautomatisch. Mannomann, hat mir die deutlich höhere Temperatur doch ganz ordentlich zu schaffen gemacht! Des Zuschauers Freud, des Thomas Leid 😉

Unterm Strich bleibt zu sagen: es war deutlich (!) anstrengender als im letzten Jahr, aber es war auch deutlich schneller. Ich freue mich sehr, dass mein Trainingsfleiß sich ausgezahlt hat! Dennoch denke heute (lieber) noch nicht an den ganzen Marathon…

Ach, eine letzte Schlusspointe: meine Mama hat mir heute voller Stolz mitgeteilt: „Mein Thomas war der Schnellste!“. Da hat sie völlig recht, denn von allen teilnehmenden Thomas Müller´n (immerhin 4 gewertete von 5 angemeldeten) war ich der SCHNELLSTE! 🙂

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6 Responses to Berliner Halbmarathon 2014: „Hot Town, Summer In The City“

  1. Thomas sagt:

    Geile Schreib wie immer… die Startnummer war ja Nomen est Omen 😉

    • ThomasThomas sagt:

      Vielen Dank! 🙂 Ja, da haste Recht. Wär mir erst gar nicht aufgefallen, meine liebe Baldfrau hat mich darauf hingewiesen. Schon cool, wa? Und beim nächsten Mal hol´ ich mir die verdammte fehlende Sekunde…

  2. Olaf sagt:

    Gratulation Thomas zu deinem tollen Lauf mit einer klasse Endzeit. Genauso muss das Laufen, schöner Bericht und toll das ich nicht alleine gelitten habe 😉

    • ThomasThomas sagt:

      Danke schön, lieber Olaf. Hab´ ja auch deinen Laufbericht gelesen, ja, die Wärme war schon knackig. Lustig, der eine oder andere Zuschauer konnte gar nicht verstehen, wie wir als Läufer so über dieses wunderschöne Wetter jammern können. Ach, wenn DIE wüssten, was in unseren Körpern so los war auf diesen 21 Kilometern… 😉

  3. Gnü aus Zü sagt:

    Super du rasender Maratom 😉
    Herzlichen Glückwunsch zu deiner neuen PB. Freut mich sehr, dass das Ziel erreicht ist.
    Und soviele lustige Begebenheiten auf einen Haufen 😉
    Wollen wir wetten: ende der Woche bist du heiß auf nen Marathon 😉
    Du wärst der erste, bei dem es nicht so wäre

    • ThomasThomas sagt:

      Erst Ende der Woche?!? Okay, wenn ich sage „Ich freu mich drauf“ ist das im Moment etwas übertrieben, aber „ich könnt´ schon wieder“ passt da schon. Aber hast´ schon recht, ich bin da wie alle anderen… 😉 Vielen Dank für die lieben Komplimente, du „fliegender Holländer“! 🙂

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