Hamburger Projekt, Woche 10 (v.14): Der Schmerz geht, die Erinnerung bleibt

Manchmal hält das Leben unangenehme Überraschungen parat.
So ist diese Woche, insbesondere der Beginn, durch ein sehr trauriges Ereignis geprägt: unser Kater Julius hat uns für immer verlassen.

Nach 15 mit Sicherheit erfüllten Jahren gemeinsam mit Manu und mir haben wir ihn am Dienstag in der Tierklinik Potsdam einschläfern lassen.
Und weil er ganz bestimmt nicht wollte, dass wir jetzt voller Trauer an ihn denken sondern eher möchte, dass man ihn als das in Erinnerung behält, was er war, zeige ich euch hier, wer er war:Julius_02Schöne Anekdote am Rande: der Geburtstag von Julius ist der 23. April. Ganz zufällig, und zwar wirklich ganz zufällig ist das auch unser Hochzeitstag!
Den haben wir tatsächlich vom 22. auf den 23.April aus terminlichen Gründen verlegt und erst im Nachhinein festgestellt, dass unser Kater just an diesem Tag geboren ist.

...so war er auch!

…so war er auch!

Nun, so werden wir einmal im Jahr auf jeden Fall ganz besonders seiner gedenken.
Im Augenblick ist natürlich noch jeder Gedanke schmerzhaft, da Julius überall präsent ist. Schon beeindruckend, wie ein Tier integraler Bestandteil des Lebens werden kann, wie sehr man sich an ihn gewöhnt hat und wie groß die Lücke ist, die er hinterlässt.

Lieber Julius, wir werden dich nie vergessen.
Grüß´ mir meinen allerersten Kater, den Fritz, ganz lieb, da wo du jetzt bist.



Aus sportlicher Sicht beginnt die Woche unspektakulär und endet spektakulär.
Denn in dieser, der bereits zehnten, Trainingswoche steht als Finale Grande ein Halbmarathon auf dem Plan.
Ich laufe zum ersten Mal den Berliner Halbmarathon als „Test“-Wettkampf und Teil meines Marathon-Trainingsplanes, und losgelöst davon bereits zum dritten Mal.

Es ist ein tolles Gefühl, auf den Straßen Berlins unterwegs zu sein, da, wo vor zwei Jahren alles begann und im letzten Jahr September quasi seinen bisherigen Höhepunkt fand.
Aber dazu gleich.



Jetzt absolvieren wir erstmal schnell zwei geplante Trainingseinheiten:
Am Montag geht´s auf eine kleine Komfort-Tempo-Runde, die mit 10 Kilometern geplant ist. Ich hänge noch einen Bonus-Kilometer ´dran, mir ist einfach so. Das Komfort-Tempo pegelt sich bei ungefähr 5:14 min/km ein, was immer noch ziemlich flott ist. Aber ich fühle mich körperlich und seelisch wohl dabei, also ist es genau richtig.



Dienstag morgen quäle ich mich ins Fitnessstudio und schaffe es tatsächlich, eine Stunde an den Geräten meine Muskulatur zu stählen, der Dienstag Abend ist dann leider der oben beschriebene emotionale Tiefpunkt in dieser Woche.



Der eigentliche Plan für den Mittwoch lautet „Tempotraining mit Markus“, der sich aber mit mentalem Unwohlsein dem Laufsport für heute entzieht und mich allein mit einem Pyramidentraining in den nahen Volkspark ziehen lässt. Na, Markus, du wirst am Sonntag schon sehen, was du davon hast. Sonntag ist für Markus nämlich Premiere auf der Halbmarathon-Distanz. Ich bin gespannt.
Ganz grundsätzlich vollzieht sich das heutige 1-2-3-2-1-km-Pyramidentraining (daher der Name) genauso unspektakulär wie der Lauf am Montag, was an sich ein gutes Zeichen ist, denn nach insgesamt 2 Stürzen in den letzten Wochen ist ein ganz normales, schönes, anstrengendes Tempotraining einfach nur gut. Die einzelnen schnellen Kilometer absolviere ich schön zügig, wie immer etwas zu schnell, macht aber nix.



Donnerstag hole ich meine Startnummer ab und gönne mir bei der Gelegenheit gleich ein Paar (Großschreibung beachten! ;-)) neue Laufschuhe. Meine bisherigen Wettkampf-Lieblings-Schuhe Brooks PureFlow (in der Version 2) bekommen nach 2 Jahren (hoffentlich) würdige Nachfolger: die Brooks PureFlow 4! Ich werde sie nächste Woche im Training mal einlaufen und bin gespannt, wie sich diese Version eines relativ minimalen Laufschuhs so entwickelt hat. Diesen Sonntag kommen dann letztmalig meine „alten“ PureFlow zum Einsatz. Take me to the Limit!



Freitag und Samstag superkompensiere ich so vor mich hin, was tatsächlich mal ganz angenehm ist, und zwar aus 2 Gründen: erstens habe ich mal richtig Zeit und zweitens fühle ich mich im Moment ziemlich erschöpft. Letzteres hat seine Ursache ganz bestimmt sowohl im ziemlich intensiven Training der letzten Wochen und mit Sicherheit auch im emotionalen Tief dieser Woche. Ich genieße das Nichtstun und habe nicht den Hauch eines schlechten Gewissens!



Der Marsch auf die Startlinie

Der Marsch auf die Startlinie

Und dann kommt der Sonntag. Die Umstellung auf die Sommerzeit ist echt fies und sollte definitiv verboten werden!

Um sieben klingelt der Wecker. Also eigentlich ja um sechs, im Grunde spielt das aber keine Rolle, denn: in jedem Falle viel zu früh für einen Sonntag!
Nach einer extrem unruhigen Nacht (durchaus typisch für mich vor einem Wettkampf) fühle ich mich ein wenig wie ausgek..zt.

Leider vergeht dieses Gefühl nicht, auch nach meinem obligatorischen „2-Toaststullen-mit-Honig“-Frühstück nicht. Irgendwie habe ich keine Lust auf diesen Wettkampf heute, das Gefühl von Erschöpfung und ein gewisses „ich möchte einfach nur abhängen“ der letzten Tage ist extrem präsent.
Vermutlich keine guten Voraussetzungen für Bestzeiten!

Also beschließe ich kurzerhand, einfach so zu laufen, wie es eben geht. Kein Streß, kein Druck. Der Berliner Halbmarathon ist sowieso kein ideales Pflaster für Rekorde (es sei denn, man startet im Block A ganz vorn…), da man im Massenlaufen gerade auf den ersten Kilometern enorm Zeit verlieren, die später nur schwer wieder aufzuholen ist.

"Mein" Block C mit Bierpulle & -glas

„Mein“ Block C mit Bierpulle & -glas

Ich starte im Block C (das ist der EineStundeVierzig-Zielzeit-Block) und rege mich schon ungefähr 500 Meter hinter dem Start innerlich über die Läufer, die eine lockere 2-Stunden-Pace an den Tag legen, auf.
Können solche Läufer nicht auch im Block F starten? Dann brauchen die „echten“ Block-C-Läufer nicht sinnlos Slalom zu laufen.

Sonst läuft es eben so, recht zäh am Anfang, etwas lockerer nach 3 Kilometern.
Ich fühle mich nach wie vor dezent unmotiviert und wünsche mir bei Kilometer 5, dass dieser Lauf bald ein Ende hat. Naja, sind ja nur noch 16 Kilometer…
Nicht im entferntesten denke ich an eine neue Bestzeit, im Gegenteil.

Mein ADS-Knie meldet sich mit zartem Schmerz zu Wort, und mir ist irgendwie nach Heulen zumute. Aber: ich habe meiner lieben Frau und mir versprochen, den heutigen Lauf unserem Julius zu widmen.
Der hat auch nicht aufgegeben, nicht mal am Ende, er war ein Kämpfer.

Dafür gibt mein Knie kleinlaut auf wehzutun, und ich beginne ungefähr bei Kilometer 9 meinen wirklichen Halbmarathon.

Ab jetzt wendet sich tatsächlich das Blatt! Ich klatsche ein paar Kinderhände am Straßenrand ab, stelle fest, dass die heutigen Wetterbedingungen mit 12 Grad, Bewölkung und einem leichten Wind nahezu perfekt sind und laufe versehentlich den 11. Kilometer viiiel zu schnell.
Vor Schreck bremse ich mich etwas, versuche das dann aber bei Kilometer 13 nochmal, und tatsächlich: es läuft!

Ich beschleunige kontinuierlich (nur bei Kilometer 17 liege ich mit 4:48 min/km etwas hinter dem Plan wegen spontaner Getränkeaufnahme ;-)), und mein Körper spielt mit. Irgendwo bei Kilometer 18 verlässt mich dann meine Kondition, ich spüre ein wenig Seitenstechen, aber auch das vergeht.
Meine Frau, im letzten Jahr zu meiner Rekordzeit meine 12-Sekunden-Fee beschleunigt mich mit einer überraschenden Anfeuerung beim 20. Kilometer noch ein wenig.

Ich pfeife auf dem letzten Loch, ich gebe alles, ich laufe für Julius. Die Ziellinie in Sicht versuche ich, mehr oder weniger sicher, einen letzten Schlussspurt. Dann bin ich durch. Durch das Ziel, aber auch mental und körperlich.

Die offizielle Zielzeit, graviert für die Ewigkeit

Die offizielle Zielzeit, graviert für die Ewigkeit

Ein wenig mechanisch nehme ich meine (wie immer ziemlich phantasielose) Medaille entgegen.
Überglücklich, meine Frau zu sehen gehe ich zum Medaillen-Gravurzelt.

Erst hier bekomme ich die Gewissheit meiner eigenen Stopzeit-Vermutung: eine neue persönliche Bestzeit !
Unglaublich 1:39:37 stehen da, immerhin 11 Sekunden schneller als beim letzten Halbmarathon-Rekord!

In Anbetracht meiner morgendlichen (De-)Motivation hätte ich das niemals für möglich gehalten.
Tja, manchmal ist kein Leistungsdruck förderlicher als jedes verbissen erlaufene Ziel.

Julius, dieser Laufrekord heute ist nur für dich. Danke, dass du bei uns warst. Wir werden dich sehr, sehr vermissen.



Plan

Plan

Meine Wochenbilanz, heute mal ohne Worte:

Ist

Ist

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