Hamburger Projekt, Woche 13 (v.14): Die Evolution des Langstreckenläufers

Ich kann ja jeden Athleten nur einladen, regelmäßig Tagebuch zu führen. Neben allerlei lustigen Erlebnissen ist das auch eine ganz feine Möglichkeit, die persönliche Entwicklung zu verfolgen.

So ist mir zum Beispiel in dieser Woche der beginnenden läuferischen Umfangs-Reduktion aufgefallen, dass ich bei meinem zweiten Marathon ever schon deutlich entspannter in der Vorbereitung bin als bei meinem Debüt.
Mein Gott, was habe ich mir damals noch einen Kopp um lustige Nahrungskonzepte für 42 Kilometer gemacht!
Und am Ende? Völlig überflüssig!
Energiezufuhr beim Marathon?!? Mu-Ha-Ha-Ha! 🙂
Ich war ja froh, auf den 42 Kilometern wenigstens so ungefähr einen knappen halben Liter Wasser in mich hinein gequält zu haben (auch wenn selbiger nach dem Lauf wieder das Licht der Welt erblickte…).

Schaue ich auf die letzten 13 Wochen zurück sehe ich keinen einzigen Ernährungsaspekt in meinen Aufzeichnungen! Scheint also überhaupt keine Bedeutung zu haben.
Ich gehe da sogar noch viiiel weiter: diesen Marathon möchte ich auch ohne mein Rückengepäck bewältigen.
Das obligatorische „Wenn-Ich-Kollabiere-Kontaktiere-Ich-Meine-Frau“-Utensil flansche ich mir halt irgendwo an den Körper. Ja, so ändern sich die Zeiten! Das ist in jedem Falle eine echte mentale Evolution. Wenn ich es so durchziehe. Die Chancen stehen gut.



In the Heat of the Frühlingssonne

In the Heat of the Frühlingssonne

Die Auswirkungen der körperlichen Evolution manifestieren sich am Mittwoch.

Selbiger ist mein erster Lauftag in dieser Woche und gleichzeitig mein letzter Langer vor dem Tag M.
Ich ziehe diese Einheit vom Freitag vor, um 2 Tage länger für die Erholungsphase bis zum Marathon zu haben.

Eine (relativ) fatale Entscheidung, denn ausgerechnet heute beschließt der Sommer schon mal probeweise stattzufinden.
Kuschelige 25° (im Schatten!!!) und strahlender Sonnenschein – bestes Liegewiesen-Wetter! Blöd nur, wenn gerade das nicht auf dem Plan steht.

Ich rede mir den überaus widerlichen Umstand ein generelles Hitzeopfer zu sein einfach schön, indem ich mir immer wieder sage: ist verdammt gut für den Trainingseffekt!
Okay, alle meine persönlichen Wärmedesaster des Vorjahres, und das waren so einige, schweben vor meinem inneren Auge vorbei und die Angst vor den geplanten 32 Kilometern wächst. Wie wird mein Körper wohl mit dem ersten Sommertag des Jahres klarkommen? Die Antwort liegt irgendwo dort draußen. Also los!

Die ersten 10 Kilometer sind, wider aller Erwartung, die schönsten der gesamten Trainingssaison.
Endlich mal leicht bekleidet in einem schönen zuckeligen 6-Minuten-pro-Kilometer-Tempo an der angenehm lauen Luft herumrennen – einfach herrlich! Zumal ich mir heute nur ein Ziel gesetzt habe: nicht schneller als eben dieses Tempo zu laufen, da beim Trainingsabschuss wirklich kein Ehrgeiz gefordert ist.
Außer halt irgendwie die Distanz bewältigen. Sollte ja wohl machbar sein.

Auch deshalb nutze ich diesen Lauf, um eine etwas entspanntere Trinktechnik auszuprobieren: ich mache während der Flüssigkeitsaufnahme kurze Gehpausen. Trinkt sich wirklich angenehmer! Die erste findet bei Kilometer 10 statt, und danach gibt es aller 5 Kilometer jeweils einen „Tankstopp“. Gedacht als Generalprobe für Hamburg funktioniert das echt super. Jetzt kann ich auch besser die „Trinktische“ an der Strecke nutzen, schließlich möchte ich ja, wie oben erwähnt, gepäckfrei reisen!

Bei Kilometer 12 oder so wird mir langsam sehr, sehr warm.
Die Sonne brutzelt ordentlich herab und röstet meinen Kopfinhalt. Die Geh-und-Trink-Pause bei Kilometer 15 fällt dann auch ungeplant etwas länger aus.
Leider bekomme ich nur einen kleinen Schluck Wasser herunter, danach verhindert eine leichte und dennoch sehr präsente Übelkeit die weitere Flüssigkeitsaufnahme.

Mir wird Angst und Bange, denn das kenne ich nur zu gut. Aber jetzt schon? Gut, es ist echt heiß (für meine winterlichen Trainingserfahrungen), aber so früh schon das Aus?
Ich komme langsam wieder in den Laufschritt, und die nächsten 10 Kilometer werden definitiv die schlimmsten der gesamten Laufsaison.
Die friedliche Langstrecken-Koexistenz zwischen Kopf und Körper, trainiert in vier 35-km-Läufen, wird auf eine ernsthafte Probe gestellt, denn kleinere Wellen der Übelkeit erzeugen immer wieder Gummi-Beine. Mein Kopf bittet mich ebenso freundlich wie permanent, doch lieber die Frau anzurufen und mich abholen zu lassen.
20 Kilometer am Stück seien doch auch schon gar nicht so schlecht, bei dem Wetter. Brauch ich mich nicht zu schämen. Wirklich nicht.
Auf.Gar.Keinen.Fall.Gebe.Ich.Auf.
Wenn sich in Hamburg der Sommer ein ebensolches Stelldichein am nächsten Sonntag gibt – dann ist da auch keine Frau, die mich abholen kann! Also: Weiter! Irgendwie.

Ab jetzt fühlt sich jeder weitere Schritt fast genauso an, wie die letzten Meter im Marathon-Debüt unter sommerlichen Bedingungen. Ich leide leise vor mich hin, die Strecke ziiieht sich immer länger, die Sonne gibt wirklich alles, und ich will einfach nur noch umfallen dürfen.
Bei Kilometer Dreißigkommasechs gebe ich endgültig auf.
Wer in den letzten Wochen dieses Tagebuch verfolgt hat weiß, dass ich eher immer ein paar Meter ´dranhänge. Wenn ich also 1,4 Kilometer vor dem Planungsziel abbreche, dann muss es schon sehr ernst sein.
Das ist es.
Verdammt, dass mir dieses Wetter aber auch immer so krass zusetzt ist echt blöd!

Mir grault es schon davor, wie es meinem Körper in den nächsten Stunden gehen wird, wenn ich mich so an letztes Jahr erinnere.
Doch -oh Wunder!- die körperliche Evolution scheint stattgefunden zu haben: wie es mir während des Laufes dreckig ging so gut geht es mir anschließend!

Nach dem Duschen lege ich mich vorsorglich hin, aber mein Kreislauf zeigt sich von seiner entspannten Seite. Die ersten zwei Stunden nach dem Training, bisher bei langen Läufen eher schwierig, sind heute echt gut! Das überrascht mich wirklich. Ist das der Trainingsfortschritt? Schön wäre es ja! Ich sage da einfach nur: dein Körper, das unbekannte Wesen…



Der Donnerstag gehört wie (fast) immer dem Ganzkörper-Ertüchtigung, und geschickt kombiniere ich ein weiteres Mal den 20-Minuten-Bauchexpresskurs mit weiteren 40 lustigen Minuten im Studioeigenen Gerätefuhrpark.
Der daraus resultierende ziemlich epische Muskelkater (dabei habe ich nur in der letzten Woche mit dem Kraftsport ausgesetzt!!!) wird mich bis zum Sonntag begleiten…



Am Freitag soll ich einen 8-Kilometer-Tempodauerlauf absolvieren. Nun, nach den 15 Kilometern vom letzten Sonntag ist das natürlich ein Kasperletheater. Dementsprechend unmotiviert und mit dem unbedingten Wunsch, endlich mal eine Trainingspause machen zu dürfen laufe ich diese Einheit brav und leistungsorientiert ab. Pflicht erfüllt. Reicht.



Auch Profi-Läufer haben Humor.
Anders kann ich mir den heutigen Trainingsplan-Eintrag aus der Feder des Hubert Beck nicht erklären.
Was machen 400-Meter-Intervalle in einer Marathonvorbereitung?!? Ich weiß es wirklich nicht, aber wer bin ich schon, die Entscheidungen eines Laufmeisters in Frage zu stellen.

Allerdings lässt sich aus so einem Training auch nix Sinnvolles basteln, 2 x 1.000 Meter und 1 x 800 Meter erscheinen mir etwas albern.
Also mach´ ich am Sonntag einfach mal, was der Plan so will. Hat ja auch etwas kurzweiliges, ein Tempotraining auf zweikommaacht Kilometern.

Das letzte „echte“ Training gelingt dementsprechend gut, vielleicht bin ich ein My zu schnell, aber auf 400 Metern vernünftig das Tempo zu steuern ist schier unmöglich. Und wenn ich dann endlich ein Gefühl dafür entwickelt habe – sind die 7 Speed-Einheiten auch schon wieder vorbei. Jetzt, endlich, beginnt die finale Erholungs-Phase. Ich bin aber auch echt geschafft…



Na endlich! Der Plan...

Na endlich! Der Plan…

Eine ziemlich entspannte Wochenbilanz kann ich konstatieren, in der ich sogar tatsächlich mal im Rahmen der Plan-Kilometer-Vorgabe geblieben bin!
Ist aber auch okay, denn jetzt beginnt auch das finale Rumgammeln für den Marathon.
Regie übernimmt der Schweinehund. Mit völligem Recht, hat er mich doch selbst in dieser Woche weitestgehend verschont.

Der Mittwoch war allerdings noch einmal eine schreckliche, gute Vorbereitung auf mögliche klimatische Schocks in der Hansestadt. Ob es gereicht hat – in einer Woche um diese Zeit wissen wir mehr….

...entspricht mal der Realität!

…entspricht mal der Realität!

(Bildquelle „Wüste“: Jochen / pixelio.de)

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