Karwendel – Tag 1

Bevor es losgeht ein paar Geleitworte:

Die gesamte Reise :
16.07.- 20.07.2012, Start: Scharnitz, Ende: Scharnitz 🙂
Der komplette Fußweg begann in Scharnitz (Tirol/ Österreich) und endete in Stans (Tirol/ Österreich), von hier mit dem Zug wieder zurück nach Scharnitz.

Die täglichen getrackten Strecken füge ich aus GarminConnect immer direkt hier ein. Oftmals sind diese geteilt, da ich nach lääängeren (Hütten-)Pausen oder thematisch neuen Wegabschnitten einen neuen Track angelegt habe. Außerdem zeigt GarminConnect manchmal aus irgendeinem Grund Meilen statt Kilometer. Wenn ihr im eingefügten Fenster auf „Details anzeigen“ klickt könnt ihr oben rechts auf der sich öffnenden Seite auf „Anzeige in metrisch“ umstellen. Dann passt alles 🙂
Aber nun genug technisches Gefasel… Obwohl, einen einzigen kleinen technischen Haken gibt´s da noch: da meine treue GPS-Uhr Garmin FR 305 nur begrenzt Speicherplatz hat, fehlt prompt der erste Track. Also, zumindest GPS-technisch. Die Streckenlänge & Uhrzeit usw. hat sie als Summe brav gespeichert. Ihr müsst mir also einfach glauben, dass wir in Scharnitz losgelaufen sind. Für den ersten Wandertag bleibt also nur die schnöde Statistik…

Die meisten Fotos habe ich in die jeweiligen Berichte integriert, alle nicht im Text verwendeten Bilder sind am Beitragsende als Übersicht zu finden.

Außerdem am Ende jedes Berichtes gibt es eine Tageszusammenfassung für die zurückgelegte Strecke mit Auf- und Abstiegen. Gezählt werden alle -stiege, wenn’s also an einem Tag erst 150m runter, anschließend 500m hoch, dann 300m runter, dann nochmal 200m hoch ging, sind das insgesamt 700m hoch / 450m runter.

Und nun: viel Spaß mit unseren Abenteuern im schönen Tirol!



16.07.2012


Von Scharnitz zum Karwendelhaus


IMG_0995Nach holpriger und serpentiniger Fahrt zwischen holländischen Wohnwagenfahrern komme ich um viertel nach eins mittags in Scharnitz an. Markus ist schon (ab-)marschbereit, ohne Verzögerung gehts direkt ab zum Wandererparkplatz, Auto zu, Wasserflaschen gefüllt, 15 Kilo auf den Rücken geschnallt (ganz schön schwer, Mann!), festgezurrt und– „Auf Gehts!“

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Nach den ersten 20 HM. Blick auf Scharnitz

Als erste schöne Überraschung des Tages hat Markus am Vortag eine phantastische Abkürzung recherchiert, und genau dieser (hier schon zart erkennbare) Abkürzungswahn wird im Laufe der nächsten Tage noch zu einem von ihm selbst geprägten „Kurz und schmerzvoll“-Satz führen.  Nun, diese erste Abkürzung hat es steigungstechnisch schon mal in sich, und nach den ersten 25 Minuten sind wir schwer keuchend der Meinung, vielleicht konditionell doch nicht reif genug für diese Wanderung zu sein. Wir können eben unsere Herkunft nicht verleugnen: Flachland! Mein Gott, das waren gerade maximal 50 Höhenmeter, also gar nix!

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Rein ins Tal! Thomas von hinten…

Zur Belohnung bekommen wir aber 1. eine sehr schöne Aussicht auf Scharnitz und 2. bald darauf eine phantastisch ebene (Schotter-)Strasse, wie wir sie später nie wieder haben würden (uns aber manchmal herbeiwünschen…).  Wenn überhaupt steigt sie nur gaaanz leicht an.
Bei unserer ersten kleinen Pause mit abgenommenem Rucksack spüren wir zum ersten Mal, wie — leicht man sich ohne Rückenlast fühlt! Auch sehr beeindruckend, wie eine solche Rückenlast die gesamte Körperstabilität beeinflusst. Ohne fühlt man sich zuerst etwas unsicher auf den Beinen, sollte man gar nicht für möglich halten, wie schnell der Körper sich an die Gewichtstarierung anpasst! Damit (und natürlich dem Gewicht) sollten wir in den kommenden Stunden und Tagen noch viiiel Freude haben…

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Mach´ mal Pause! Rückenbefreiung…

Viele professionelle Wanderer sind der Meinung, diese erste Strecke von Scharnitz aus sei langweilig. Sie nennen sie „langer Hatscher“, weil sie sich laaang hinzieht. Im Grunde stimmt das, allerdings macht dies auch den Reiz der Strecke aus, sie hat dadurch einen fast meditativen Charakter.
Wir finden sie in jedem Falle sehr schön. Vielleicht nicht spektakulär, so wie viele Wege der folgenden Tage, aber eine schöne „Einführung“ ins Karwendel-Gebirge, im wahrsten Sinne des Wortes, mit immer neuen Entdeckungen, zumindest für neugierige Wanderer, die nicht nur schnell irgendwo hin wollen. Und, zumindest in den ersten zwei Dritteln, zum Eingewöhnen ohne große Herausforderungen, abgesehen vom Gepäck.

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In der Mitte klein erkennbar: das Ziel, unendlich weit!

Der Aufstieg beginnt!

Entlang des leise abwärts rauschenden Karwendelbaches, der sich unten in Scharnitz mit der Isar verheiratet, und begleitet von beeindruckenden Felwänden links und rechts, aus denen manchmal kleine Wasserfälle den Karwendelbach speisen, windet sich diese unbefestigte Strasse also hinein ins nördliche Karwendeltal. Bald schon tauchen vor uns die ersten saftigen Almwiesen auf und uns überkommen ganz massive Alpengefühle. Kenner wissen, was ich meine. Nach langer Wanderung und einem kurzen Waldstück erblicken wir endlich das Karwendelhaus. ——

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Vor dem Aufstieg…

OH MEIN GOTT! denken wir beide und lachen vor Schock, Überraschung und Verblüffung Tränen, die auch leicht als hysterisch hätten durchgehen können: in gefühlt 20 km Entfernung und, was weitaus schockierender ist, vermutlich mindestens einen halben Kilometer ÜBER uns sehen wir gaaanz klein an den Berg gekuschelt unser Ziel, und wir sind uns ganz sicher: das geht gar nicht! Never! Das erreichen wir niemals!

Markus sagt dann nach den ersten sich sanft atemraubend (sic!) emporwindenden Serpentinen: „Den Rest nehmen wir dann die Rolltreppe“. Das machen wir mangels Verfügbarkeit natürlich nicht, sondern wir schleppen uns und die jeweils 15 Kilo Gepäck unter Aufbietung aller Muskeln und dem kompletten Invest an psychologischer Kriegsführung gegen den inneren Schweinehund nach oben.

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…nach dem Aufstieg!

Im Laufe des Weges spielen wir so lustige Spiele wie „Was tut dir gerade am meisten weh“, später, weils kürzere Sprechzeiten ergibt, „Was tut dir NICHT weh?“. Aber auch nur, bis wir unsere restliche Puste für die noch verbleibenden Aufstiegsmeter brauchen.  Glück im Unglück: obwohl es einen Wanderweg gibt entscheiden wir uns für die Strasse. Markus‘ „Kurz-und-schmerzvoll“-Konzept trägt heute abend noch nicht. IMG_1090


Ankunft

Um 19:15 Uhr kommen wir auf der Hütte an. Wir sind aufgestiegen und im BergfreundInnen-Himmel, mindestens. Inzwischen ist es empfindlich kühl geworden, so um die 12 Grad.

IMG_1101Beim Betreten des Gebäudes kommen wir uns wie Aliens vor, so ungewohnt ist die gesamte Atmosphäre in der Hütte. Angefangen mit dem Schuhraum oder dem Trockenraum über die spannende Prozedur der Nachtlagerreservierung bis hin zur total schönen und kuscheligen Stimmung im Gästeraum. Hier gönnen wir uns, gelehnt an einen wunderbar warmen Ofen (in der gesamten Hütte ist es ungeheizt ziemlich frisch!), erstmal ein leckeres Gulasch mit Spätzle sowie Radler & Bier.
Mann, ist das alles lecker! Kann aber auch an den Anstrengungen des Tages liegen, dass es das vielleicht gottverdammt leckerste Bier ist, dass ich jemals genossen habe.

IMG_1112Ein paar schöne Gespräche mit anwesendem Wandervolk auf Durchreise (ein Großteil davon auf der 29-Etappen- „München-Venedig“ -Wanderung) runden den Abend ab. Obwohl wir komplette Neulinge in der Berg- und Hüttenwelt sind, woher wohl auch dieses Alien-Gefühl rührt, so geben uns doch alle Anwesenden ein schönes, ehrliches und wohliges Zugehörigkeitsgefühl. Dieses Gefühl sollte uns die ganzen 5 Tage begleiten, jetzt gehören wir irgendwie dazu!
Dennoch auch unvergessen der Blick eines Herrn an unserem Tisch, als wir unsere Pläne für morgen (Birkkarspitze) ankündigen. Nicht, dass er uns das ausreden will, dann hätten wir bestimmt nicht zugehört. Aber der Blick… Danach sind wir allerdings etwas skeptischer, am nächsten Tag werden wir wissen, warum.

IMG_1120Nachtruhe?!

Erschöpft und ehrlich stolz auf die bewältigte Premiere unserer Karwendel-Wanderung gehts rauf ins Bettenlager, der letzte Aufstieg des Tages. Jede Bewegung ist eine kleine Tortour, und ich überlege mir jetzt schon, was ich alles morgen früh nicht mehr bewegen kann. Mein erster Tip gilt meinen Beinen, die quasi jede weitere Bewegung verneinen, mein zweiter meinen Schultern die schmerzen, als hätte ich 15 kg einen Berg hochgeschleppt. Ach ja, habe ich ja auch.


Okay, jetzt aber erstmal: Gute Nacht! —


Tja, schön wärs! Aber vor die Ruhe haben die Götter noch ein finales Abenteuer gesetzt: die Einrichtung des Schlafplatzes! Die ersten Minuten im Matratzenlager, so heißt es offiziell (und hält sich auch an seinen Namen…), sind geprägt von akuter Desorientierung. Bewaffnet mit Stirnlampe, nach einer mehr oder weniger schwierigen Suchaktion mangels anderer Lichtquelle hier oben, da einige Gäste schon schlafen, richten wir unter äußerst kniffeligen Bedingungen unser Schlafsacklager her.
Ein weiteres großes Abenteuer ist das Zusammensuchen der Waschutensilien für den Gemeinschaftswaschraum, das Finden der Schlafsachen und das Vorbereiten eventuell notwendiger Gehörschutzmaßnahmen.

Zunächst fühlen wir uns also beide von der gewöhnungsbedürftigen Rucksacklogistik und der allgemeinen Situation hier oben überfordert. Das ist schon alles wirklich extrem neu und ungewohnt! Zusammen mit vielen anderen BergfreundInnen in einem großen Raum direkt unter dem Dach finden wir zwar wenig Schlaf, aber dennoch zumindest genug körperliche Ruhe, um uns lang ausgestreckt auf den nächsten Tag vorzubereiten: die Birkkar-Spitze in 2.749 m erobern!

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Und das ist präzise richtig. NUR hier!



Erkenntnis des Tages: Manches, was unerreichbar scheint lässt sich tatsächlich erobern!

Highlight des Tages: erster Anblick des Karwendelhauses

Flop des Tages: erster Anblick des Karwendelhauses 🙂


Zurückgelegte Wege:
– Länge: 18 km (fast exakt!)
– Höhendifferenz aufwärts / abwärts: 800m / 0m (ging heute echt aufwärts! Einziger Haken: die ersten 15 km waren fast ebenerdig….)


Ausnahmsweise ohne Strecke: Der erste Tag als schnöde Statistik…

                                                                                          Und weiter gehts hier mit Tag 2! –>

Am Anfang...

Am Anfang…

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Bächleins Rauschen…


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Isar-Zuflüsse

Isar-Zuflüsse

Have a break.

Have a break: Gleich geht´s aufwärts!

Blick vom Karwendelhaus ins Tal. Von gaaanz unten kommen wir!

Blick vom Karwendelhaus ins Tal. Von gaaanz unten kommen wir!

 

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