Rätikon – Tag 3

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Aufbruch!

18.06.2013
-Tag 3-

Grenzgänger

Schesaplana: Ade! 🙁
Der Morgen beginnt um 7:30, also ganz urlaubstypisch. Naja, vielleicht nicht von der Zeit her, aber zumindest frühstückstechnisch.

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Einbruch!

Nach dem Frühstück nehmen wir unsere frisch sonnengetrockneten Sachen von der Wäscheleine und sind uns (nach finaler Rücksprache mit der Hüttenwirtin) ganz sicher: wir gehen NICHT auf, oder noch präziser: über, die Schesaplana! Dies ist zwar bedauerlich, aber die herrschenden Schneeverhältnisse verhindern definitiv ein sicheres Aufsteigen auf den 2.900 Meter hohen Gipfel. Letztlich soll das ja eine vielleicht anstrengende aber nicht lebensgefährliche Wanderung werden.

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Kein Farbfehler: rätselhafter roter Schnee! *

Der positive Nebeneffekt der Routenumplanung: Josef, unser Hüttenmitbewohner und Schlafsaalteiler der vergangenen Nacht, wird uns auf dem Weg zur Totalphütte Gesellschaft leisten! Dies freut uns, ist er doch ein angenehm ruhiger, gelassener Zeitgenosse, in dessen Anwesenheit man sich unweigerlich geborgen fühlt.

Der Anfang der heutigen Strecke ist das Ende der gestrigen, erst kurz unterm Cavelljoch (auch Gavalljoch genannt), der offiziellen Grenzlinie zwischen Schweiz und Österreich, trennen sich die Wege, und wir bewegen uns behutsam aufwärts. Behutsam vor allem deswegen, weil wir nun wieder in schneereichere Regionen vorstoßen.

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Cavelljoch voraus!

Und als wäre das nicht schon fordernd genug, durch die warmen Bedingungen und das reichlich vorhandene Schmelzwasser verwandeln sich weite Teile des sehr abschüssigen Gebietes in matschigen und damit überaus glitschigen Untergrund, der nur sehr wenig Grip für die Schuhsohlen bietet.
Das folgende Stück „Weg“ wird somit zu einer absoluten Tortur. Hier können wir uns nur hochkonzentriert und damit ganz langsam bewegen, immer wieder müssen wir vorsichtig prüfen, ab der Fuß „hält“. Der Hang wird steiler, und wir bewegen uns zentimeterweise auf Schlamm und nassem Gras aufwärts fort. Fast wünschten wir uns wieder mehr Schnee, der bietet zumindest etwas mehr (wenn auch trügerischen…) Halt.

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Josef & wir an der Grenze

Dann passiert es: hinter mir höre ich ein seltsames Geräusch und sehe, wie Markus abrutscht. Nur seiner eigenen Fähigkeit die Balance zu halten und dem Umstand, dass wenig tiefer ein fester Erdklumpen ist verdankt er es, dass er nicht ein paar hundert Meter abrutscht. Das war sehr knapp! Zum Glück endet diese unschöne Kletterpartie schon bald auf der Höhe des Jochs, welches wir zu viert sicheren Fußes überschreiten, glücklich darüber, dass wir gesund und wohlbehalten die Grenze erreicht haben.



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Tschüß!

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Tach!






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Blick auf den Lünersee





Grenzüberschreitung

Und was erwartet uns in Österreich? Natürlich- Schnee! Der Lünersee liegt weit unter uns, da hinunter müssen wir nun, durch Matsch und Schnee. Wir suchen uns also unseren Weg, zu sehen ist er nur an einigen wenigen Stellen. Bleibt also nur der Weg über´s Schneefeld. Das geht besser als gedacht, es ist zwar relativ steil, aber mit den Wanderstöcken zum Stabilisieren und einem guten Gleichgewichtssinn kann man sich vorsichtig hinab“gleiten“ lassen, soweit es die Schuhe eben zulassen. Markus ist unser Slider, er fährt mit seiner Schuhgröße 47 quasi Ski. Thomas und ich sind da deutlich vorsichtiger, wir trauen dem  Untergrund nicht so ganz. Josef folgt uns nach.

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Huiii! Abwärts

Hinter dem Schneefeld, nur noch ein kleines Stück über dem Lünersee, hat es tatsächlich einen echten WEG! Diesen beschreiten wir und erreichen kurze Zeit später den Uferweg.

Der See macht seinem Namen allerdings keine Ehre, führt er doch aufgrund einer Reparatur am Staudamm kaum Wasser. In diesem Zustand ist es also eher die Lünerpfütze. Was uns ein bißchen gegen den Strich geht ist die enorme Sandalen-Wanderer-Präsenz. Schön mit der Seilbahn hoch, lecker Essen und dann 10 Minuten am See lang. Auf diese Begegnungen hätten wir gern verzichtet, denn wie schon im letzten Jahr stellen wir auch jetzt wieder fest: wandern am liebsten im kleinsten Kreise. Da uns allerdings ein kleines hungriges Magengrummeln umtreibt beschließen wir vor dem finalen Aufstieg zu der gut 400 Meter über uns thronenden Totalphütte ein schönes Mittagessen zu genießen. Demzufolge heißt es zunächst: auf zur Douglashütte auf der anderen Pfützenseite! Josef möchte lieber gleich hoch, bitteschön.

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Die Lüner Pfütze. 😉 Blick von der Douglashütte.

In der Douglashütte gibt´s erstmal ordentlich Essen und Trinken, dann gehts weiter. Naja, beinahe. Denn, und das hat Thomas und mich mit offenem Mund hinterlassen, unser Action-Markus stellt eine völlig überraschende Frage: „Wäre es eine Option, hier zu übernachten?“ Häää? HIER? In dieser Touristen-Falle? Zwischen all den Leuten, die sich nur höchst ungern selbst bewegen? Hallo?!? Markus zieht die Frage ebenso schnell zurück wie er sie gestellt hat und JETZT gehts weiter. Ein bißchen Bange wird´s uns dann doch beim Anblick der noch zu bewältigenden Höhenmeter, aber was muss das muss. Der Anstieg ist ordentlich steil, aber zumindest erwartet uns hier faires Felsgestein zum Hochkraxeln, und nicht irgendwelcher Matsch. 250 schwer atmende Keucher höher hat es dann auch endlich wieder vertrauten Schnee, wir fühlen uns direkt wie in der Komfortzone…

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Ziel erreicht. Endlich.

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Puhhh, krasser Aufstieg, Mann!















Echt Berliner Höhentreffpunkt

Mit wahrlich letzter Kraft, sehr schweigsam aber auch sehr zufrieden mit dem Geschafften erreichen wir die Hütte nach gerade mal 50 Minuten und frönen unserem liebgewonnenen Ankommensritual: Apfelschorle, alkfreies Bier! Diesmal sind ein paar mehr Gäste am Start: außer Josef, der schon gut angekommen ist, treffen wir hier 5 Berliner Typen, wobei einer sogar bei Thomas um die Ecke wohnt! Die Welt ist echt ein Dorf. Die Berliner kommen gerade da her, wo wir morgen hinwollen und beschreiben den Weg als gut begehbar. Endlich, wir hätten jetzt auch nix gegen einen schönen, normalen, leichten Wanderweg.

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Noch nicht die Nacht! Das ist ein grummeliger 17-Uhr-Sommer-Himmel

Während wir uns so schön unterhalten wird´s in der Ferne, über der Schweiz, stockdunkel. Und dann zieht ein ordentliches Unwetter über die Berge. Wir allerdings werden davon verschont, der Anblick ist in jedem Falle spektakulär! Über Berggipfeln niedergehende Blitze sieht man nun mal nicht alle Tage.

Das Abendessen, welches es pünktlich um 18:30 gibt, ist wie immer superlecker. Unsere Körper saugen jede Kilokalorie einzeln genussvoll auf und wir spüren förmlich, wie sich das Eiweiß in Musklefasern umwandelt. Nach 3 Tagen ordentlichen Wanderpensums macht sich eine leichte, angenehme Erschöpfung breit. Der Abend klingt aus wie die anderen beiden auch: sitzen oder liegen, je nach persönlichen Vorlieben, noch ein paar Seiten lesen und dann schlafen gehen. Wir sind immer vor 10 im Bett, unser Körper dankt es uns definitiv! Gute Nacht…

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Markus ist — fertig.


* roter Schnee?
dieses merkwürdige Phänomen beschäftigte uns während der ganzen Wanderung. Unsere Theorien reichten vom Sahara-Sand aus nordafrikanischen Winden bis zu speziellen Schnee-Bakterien. Eine echte Lösung des Rätsels fand, natürlich, unser Hobby-Biologe Markus nach unserer Heimkehr: Schneealgen!

Erkenntnis des Tages: Kommerzieller Bergtourismus ist doof

Top des Tages: Juhu! Totalphütte erreicht!
Flop des Tages: Matsch ist fast noch schlimmer als Schnee…

Zurückgelegte Strecke: 14 Kilometer

Bewältigte Höhenmeter (aufwärts/abwärts): 1.120 Meter / 640 Meter

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Hüttenhund, gut getarnt…

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Abend-Chilling

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Vor dem Unwetter

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Blick von der Totalphütte Richtung Lünersee






























Es folgt der gipfelstürmende 4. Tag!



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