Ich seh´ ein See!


Der Müggelsee-Halbmarathon

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Sieht näher aus als es ist: das andere Ufer

Schon mal einen Überblick der eigenen (Halb-)Marathon-Strecke gehabt? Also, ich meine so richtig. Wo man die ganze Strecke visuell erfassen kann. Nein? Dann ist meine klare Empfehlung: macht eine See-Umrundung! Wobei ich natürlich der Ehrlichkeit wegen anmerken möchte, dass man am Müggelsee lediglich gut die Hälfte (!) der Laufstrecke bewältigt hat, wenn man „bloß“ den See umrundet.
Die psychologische Wirkung dieser umfassenden Weitsicht ist jedenfalls —interessant! Zunächst stellt man erstaunt fest: wow, das andere Ufer ist aber wirklich ziemlich weit entfernt (und glaubt mir, ein Foto kommt der Wirklichkeit nicht nahe!). Als nächstes folgt die etwas kribbelige Erkenntnis: äääh, da muss ich rum! Und noch viel weiter!!! (Was daran liegt, dass man -gottseidank?- die Ost-Schleife nicht einsehen kann, die die zweite Hälfte des Laufweges ausmacht) Wie gesagt, die psychologische Wirkung ist enorm. Und das vor dem Start. Erstmal auf die Toilette…

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Zusammen starten, alleine finishen: Kay, Michi & ich (v.r.n.l !)

Watt soll´n wa lang reden: ab an den Start! Immerhin 1.500 sonntägliche Frühaufsteher nutzen den Spätsommer-Tag und haben Lust auf diese einundzwanzigkommaeins Kilometer. Ein wenig Sonne, schwülwarme 18 Grad, naja, ich steh´ ja mehr auf unter 15°, schattig und unschwül. Watt soll´s, besser als Wind und Regen!
Am Start geschickt gelöst: spontan wird entschieden, in 2 Wellen mit 3 Minuten Abstand loszulegen, das entspannt die Drängelei doch erheblich. Los gehts, über Fahrradwege am Ufer entlang, eine geradezu malerische Laufstrecke!

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Das Führungs-Auto

Ich genieße die tolle Luft und laufe mein Tempo, was im Gegensatz zum Berliner Halbmarathon aufgrund der angenehmen Läuferdichte gut möglich ist. Im Vorfeld schielte ich ja mal so auf die Einestundefuffzig, aufgrund leichter gesundheitlicher Einschränkungen am Beginn dieser Woche und einer eher laxen Trainingsgestaltung bin ich mir meiner Sache allerdings nicht so sicher. Dennoch achte ich darauf, möglichst nicht schneller als 5:18 auf den Kilometer zu laufen (was mir als permanenter Blitz-Starter wirklich schwer fällt: was ´de hast, haste!), um dann in der zweiten Hälfte ein paar Sekundenschnipsel von der Pace abzuzwacken.

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Frisch & munter! Noch…

Nach Kilometer 4 erwartet uns eine architektonisch zwar interessante aber auch kniffelige Herausforderung: wir durchqueren den historische Spreetunnel! Das ist an sich auch völlig okay, allerdings heißt es vorher treppab und anschließend treppauf. Im Training ist das ja durchaus passend, aber so mitten im Lauf-Flow – nunja. Hinzu kommt, dass die Stufen schmal und aufgrund der Feuchtigkeit etwas rutschig sind: aufpassen ist angesagt! Das wird dann mit 5:37 auch mein langsamster Kilometer, erwartungsgemäß.
Genug der Bummelei, nun ist wieder etwas mehr Pace gefragt! Verdammt, ich finde keinen Läufer, der meinen Tempo-Slot läuft. Entweder zu schnell oder zu langsam. So kann das ja nix werden! Guuut, muss ich wohl selbst mein Tempo finden, bitteschön! Und so gleite ich sanft dahin, getragen von meinen Brooks PureFlow, die mir wiederholt sehr treue Dienste leisten und eingehüllt im glückspendenden Community-Shirt. Ja, ich glaube daran! Zumindest bis Kilometer 16.

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HiSpeedGrandma überholt!

Die Pace zu halten oder gar zu steigern erweist sich als zunehmend schwierig; jetzt beginnt der eigentliche Spaß! Ungläubig sehe ich die 5:14, als ich das Kilometer-17-Schild passiere. Waaas, so langsam? Meine Beine sagen MINDESTENS 5:00! Zu allem Überfluss wird der (an sich ja wunderschöne) Waldweg auch noch etwas hügelig, und es sind immer noch gute verdammte und ewige 4 Kilometer. Was im Laufalltag ein kleiner Hopser ist wird nun zum Finale Grande.

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DAS ist mal Motivation





Im Prinzip beginnt jetzt der Halbmarathon! Wenigstens habe ich eine kleine Tempo-Orientierung, ein grüner Läufer hat ungefähr die gleiche Pace. Bitte durchhalten!!! Jetzt ziiiiieeeeht sich die Strecke wie Kaugummi. Aller hundertfuffzig Meter geht mein leidender Blick auf die Uhr: bin ich schon da? Bin ich schon da? Bin ich schon…?
Meine Beine fühlen sich wie Gummi an. Und sie wollen auch nicht mehr weiter. Gottseidank ist sonst alles körperlich tippitoppi, ich ignoriere sorgfältig den Läufer bei Kilometer 20, der sich mit Wadenkrämpfen dahinschleppt. Auweia, bitte nicht mir. Es ist hart, es ist oll, es macht jetzt definitiv keinen Spaß mehr.

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Etwas verbissen bei Kilometer 21… Aber: das Shirt sitzt!


Aber gleich wieder, und das treibt mich an. Endspurt ist nicht drin, meine Kräfte sind echt am Ende. Eigentlich ja ein Zeichen für eine passable Tempo-Einteilung. Ist mir in dem Moment allerdings völlig schnuppe. Verdammt, wo bleibt die Ziellinie! Ah, da. Rüber, Uhr stoppen, fertig. FERTIG!!! Juhu!!!! Und was sagt mein treuer digitaler Laufgefährte am Armgelenk? Einsfünfzig!!! Das hätte ich ja nicht mehr zu träumen gewagt, aber dennoch versucht zu erreichen. Gut 6 Minuten schneller als bei meinem Halbmarathon-Debüt im April. Echt unglaublich.
Triumph des Willens, würde ich jetzt sagen, wenn das nicht politisch unkorrekt wäre. Ach, was solls. Es stimmt ja auch. Am Ende läuft nur noch der Kopf, die Beine funktionieren mehr oder weniger. Das allerdings, und dafür mein herzlichster Dank, ziemlich gut!

Ein toller, erfolgreicher Halbmarathon im wahrlich goldenen Oktober und mit herrlicher Naturkulisse. Das könnte ein würdiger Abschluss meines (Wettkampf-)Laufjahres sein und wird es möglicherweise auch. Und, um das festzuhalten, es ist der zweite Halbmarathon in meinem Leben, sicher nicht so detailliert vorbereitet wie mein erster, aber dafür mit viiiel Genuß und ganz neuer mentaler Erfahrung gelaufen. Und so ganz nebenbei die Premierenzeit (1:56:51) gerissen. Wenn das nix iss!

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Jetzt ist´s amtlich: die 1:50 steht!!!!!

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2 Responses to Ich seh´ ein See!

  1. Christiane sagt:

    na da kann man ja endlich wieder mal gratulieren!!! Toll! 1660 kcal verbrannt – Mann, soviel verbrenne ich in einem Monat! Aber was ist bloss ein „Trimp“?
    Liebe und sehr respektvolle Grüsse aus Frankreichs feuchtem Süden…

    • ThomasThomas sagt:

      Viiielen Dank! 🙂 Der Begriff „Trimp“ kommt von „Trimp dich“. Ach nee, das heißt ja „TrimM dich“. Also, in echt hat das was mit Trainingsintensität zu tun, als ambitionierter Spaß-Läufer habe ich mich damit noch nicht so beschäftigt… 😉

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