(Die ersten) 2 Wochen im Leben des Marathom

M(arathon) + 1 Minute

Ziellinie überschritten.
Ich weiß gar nicht so recht, was ich jetzt mit mir anfangen soll.
Lachen oder Weinen?
Weiterlaufen oder Hinsetzen?
Was zu Trinken holen oder erstmal ausruhen?
Ich fühle mich völlig planlos, orientierungslos, völlig — hilflos!

Irgendjemand drückt mir eine Tüte in die Hand, mit einer Banane, einem Apfel, irgendeinem Gel darin. Was soll ich damit? Egal, ich nehme es willenlos einfach mit. Vielleicht fällt mir ja später wieder ein, wie Ernährung funktioniert.
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M + 5 Minuten

Vielleicht brauche ich ja ein alkoholfreies Bier.
Ich suche den Ausschank-Stand und nehme einen Becher mit kühlem verführerischen Nass entgegen. Mein Körper scheint nach Flüssigkeit zu schreien. Das ist jedenfall meine Meinung.

Ich weiß aber auch: zu schnelles Trinken wäre jetzt mein sicherer magentechnischer Untergang.
Mir ist ziemlich warm. und ziemlich kalt. Eigentlich fühle ich mich gar nicht gut, uneigentlich auch nicht. Ich möchte jetzt gern zu meiner Frau Manu und komme mir erschöpft und hilflos vor und bin es auch.
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M + 10 Minuten

Mein Handy ist gesperrt. Wie geht das? Ich habe keine Ahnung. Wie soll ich jetzt Manu finden? Ich habe immer noch keine Ahnung.
Anrufen geht nicht, angerufen werden auch nicht. Um mich herum ungefähr ganz Berlin, bevölkerungstechnisch betrachtet.

Ich setzte mich ein wenig, nein: sehr! resigniert an den Straßenrand, die anfängliche Ziel-Euphorie hat sich still und heimlich weggeschlichen, jetzt ist da nur noch eine alles beherrschende Erschöpfung. Keine Ahnung, was ich mit mir anfangen soll.

Dann ein nahezu übermenschlicher Gedankenblitz: ich frage eine Frau am Straßenrand, ob sie mir ihr Handy leiht. Sie tut es sehr hilfsbereit.
Der weitaus größere zweite Gedankenblitz folgt sogleich: ich wähle instinktiv die Handynummer von Manu – sie ist richtig! Die rettende Stimme, und weitere 15 Minuten später ist sie bei mir. Ich lasse mich fallen…
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M + 1 Stunde

Es geht mir wirklich nicht gut.
Gar nicht.

Ich habe einen halben Becher alk-freies Bier getrunken und irgendwas um die 10 Schlucke Wasser gegen den gröbsten Durst, und mir ist übel. So richtig.
Ich suche mir eine einigermaßen unbevölkerte Ecke und dann kommt ans Tageslicht was in meinem Körper eigentlich viel dringender gebraucht werden würde. Theoretisch, zumindest.

Tja, ist halt blöd, wenn der Magen beschließt, nix anzunehmen.
Mein Kreislauf ist ebenfalls in ungeahnte Tiefen abgetaucht. Ich lege mich heftig zitternd hin, die Manu hält mich fest.
Mir wird bitterkalt, ein Sanitäter, von meiner Frau herbeigerufen, misst meinen Blutdruck und nimmt mir etwas Blut ab. Meine Lippen seien ganz blau gewesen, sagt die Manu. Ah, deshalb also der Sani.

Die Entwarnung: ja, der Kreislauf ist etwas — mitgenommen, aber die Blutwerte sind absolut top, die Blutzuckerwerte auch.
Besonders letzteres lässt mich komplett erstaunt zurück: wie kommt der Zucker in mein Blut??? Ich habe zwar ein bißchen Malto-Selbstmix zu mir genommen, aber nur in äußerst homöopathischen Mengen!
Aus welchen Energiequellen hat mein Organismus die letzten 42 Kilometer bestritten???

Ich hinterfrage das nicht, weil mir die Antwort in dem Moment völlig egal ist.
Schön, dass ich medizinisch in Ordnung bin.
Ja, eine ganze Menge Läufer haben bei Wärme solche Probleme, sagt der Sani. Es ist heute aber auch warm! Naja, mir gerade nicht, aber das kommt bestimmt wieder….

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Die Ruhe nach dem Sturm...

Die Ruhe nach dem Sturm…

M + 2 Stunden

Die Würge-Reflexe kommen pünktlich wie die Bundesbahn alle 10 Minuten, und das schon seit einer guten Stunde.

Laaangsaaames Bewegen geht schon wieder, erstaunlicherweise funktioniert meine komplette Anatomie hervorragend! Wäre da nicht nach wie vor ein erhebliches Kreislaufdefizit – ich könnte glatt schon wieder joggen!
Okay, erstmal wäre ich froh, einfach nur nach hause zu gelangen. Ohne mich ständig in der Angst zu bewegen, dass sich gleich mein Innerstes nach außen stülpt, denn mein Magen ist komplett leer.
So wie ich….
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M + 4 Stunden

Wir sind nach hause gekommen. Irgendwie. Die Bahnfahrt war ein bißchen Hölle.

Es gibt aber auch fürwahr sehr erheiternde Momente, wie zum Beispiel das Erklimmen von Bahnsteig-Treppenstufen durch Festklammern am Geländer und engagiertes Stufe-für-Stufe-Nach-oben-ziehen.

Das, an sich, ist noch nicht das Erheiternde, aber der Anblick der anderen Marathoni – das schon! Denn: geteiltes Leid ist halbes Leid, und so erkämpft sich jeder von uns 42-Kilometer-Läufern die nächste Stufe, mit einem Lächeln für den jeweils anderen im Gesicht. Wir sind jetzt Brüder und Schwestern! Ein toller Moment.

Zuhause ankommen. Heiße Badewanne. Mit Argusaugen wacht meine Frau über meinen Zustand. Der ist aber etwas stabiler.
Und diese Badewanne bietet mir das gottverdammt beste warme Bad, das ich jemals hatte! Alles kribbelt, alles erwärmt sich, alles entspannt sich. Das ist der Himmel.
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M + 6 Stunden

Ich habe nach dem wohltuenden Bad die ersten Essversuche gestartet. Zwieback und Fencheltee.
Bis jetzt ist alles drin geblieben, mein Kreislauf ist stabiler, mir geht es allgemein wieder deutlich besser. Dank der wirklich herzzerreißenden Fürsorge meiner lieben Frau, mit Sicherheit.

Meine Lebensgeister kehren zurück, und ich bekommen wieder Lust auf Marathon!
Naja, nicht in echt, aber im Fernsehen: ich schaue mir die 4-Stunden-Aufzeichnung vom Berlin-Marathon an.

Hey, wir haben heute einen neuen Weltmeister gemacht! Cool, dann habe ich ja eine weltmeisterliche Ziellinie überschritten.
Glückwunsch, Dennis Kimetto, du sympathischer und schweigsamer Superläufer! 🙂
Und wen sehe ich da noch?!?

Erstaunlich, bei 40.000 Teilnehmern. Aber der offizielle Beweis, dass ich auf der Zielgeraden war. Keine Ahnung, nach wem ich mich da gerade umdrehe…
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M + 1 Tag

Die Nacht war super. Ich war aber gestern abend dann auch völlig hinüber. Klar.
Das Aufstehen gibt mir ein erstes beeindruckendes Körpergefühl. beeindruckend vor allem deshalb, weil mein Körper ziemlich gut funktioniert!

Der allgemeine Marathon-Blessuren-Check verläuft nahezu perfekt:

Zustand Beine: Tippitoppi! Muskelkater in den Oberschenkeln, natürlich, aber Schienbeine und Kollege Achilles – fühlt sich alles okay an!

Zustand Füße: Alle Zehen + Nägel perfekt in Ordnung, nicht solche Zustände wie beim letzten Halbmarathon. Sind wohl echt gute Schuhe, die NewBalance NB 980!

Zustand Rücken (als Bandscheiben-Opfer immer wichtig): keine Schmerzen!

Zustand Restkörper: alles gut, keine Schmerzen, und das erste echte tolle Frühstück gerade eben ist auch im Magen geblieben. Mir geht es wirklich, wirklich gut. Große Freude!

Ein letzter Blick auf die Waage: Waaaas? 63,4 kg stehen da!!! Oh weia, jetzt ist aber eine Schlemmerwoche angesagt.
Das sind knapp 4 Kilo zu wenig, so auf gute 67 Kilo möchte und sollte ich schon kommen. Also: ran an´s Steak!!!

Zeit für ein sportliches Fazit:
Ja, die Hitze hat mir zugesetzt. Das war fast zu erwarten. Aber – hey!- der Marathon lief perfekt!

Die wirklichen — Schwierigkeiten traten erst danach auf.
Und deshalb glaube ich ganz fest an die Wirksamkeit der fiesen, fiesen Hitzetrainings. Letztendlich hat vor allem mein Körper gelernt, die Wärme besser zu verkraften.
Ich meine, vor einem halben Jahr beim Halbmarathon ging es mir bei (fast) exakt den gleichen Wetterbedingungen deutlich schlechter!

14 Trainingswochen haben mich gut auf den Marathon vorbereitet, alles andere ist Spekulation. Der Aufwand, der hat sich jedenfalls gelohnt und ganz bestimmt auch ausgezahlt.
Danke also auch an Hubertus Beck für die gute Vorlage! 🙂
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M + 7  Tage

Eine Woche faulenzen. Ich genieße es.
Waaas? Das Laufen fehlt dir gar nicht??? Nö, ich habe ja gerade genug mit der Aufarbeitung des Marathons zu tun. Da habe ich gar keine Zeit zum Laufen 😉

Hätte ich natürlich schon, aber mein Körper gibt mir sehr klar zu verstehen: Lass es! Und auch meine Seele will ein bißchen herumbaumeln, also lasse ich sie. Sehr gerne sogar.
Nur mein Immunsystem, das will so gar nicht baumeln gelassen werden und sendet mir mit ein paar saftigen Halsschmerzen erste Botschaften in Richtung „na, kleine Erkältung gefällig?“

Ich pimpe meine Widerstandskräfte mit literweise Tee und frischem Ingwerwasser, und die bösen Bazillen verflüchtigen sich im Angesicht der aufgefahrenen Waffengewalt.

Ein weiteres körperliches Phänomen ist mein geradezu unbändiger Hunger.
Ständig könnte ich irgendwas essen, und alles schmeckt suuuperlecker! Na, zum Glück brauche ich zur Zeit ja nicht auf meine Kilos zu achten, das sollen ja sowieso 3 mehr werden.
Tipp also an alle Abnehmwilligen: lauft Marathon, danach ist ungestrafte Schlemmerzeit!!! 🙂
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Unsere Urlaubs-Residenz in Baabe auf Rügen

Unsere Urlaubs-Residenz in Baabe auf Rügen

M + 9 Tage

Ostsee.
Urlaub.
Jetzt ist auch durchaus wieder etwas Bewegung erlaubt: Manu und ich gehen auf Wanderschaft!
Wundervolle 14 Kilometer an Küste und Waldesrand legen wir zu Fuß zurück, und damit es nicht allzu langweilig wird nutze ich die Wanderung für aktives Fußstabi-Training auf den Steinen direkt an der Küste.

Übrigens: die Insel Rügen ist deutlich hügeliger, als man denken könnte!

natürliche Fuß-Reflexzonen-Massage

natürliche Fuß-Reflexzonen-Massage

Kletterpartie!

Kletterpartie!

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Windig, wellig, wunderbar!

Windig, wellig, wunderbar!

M + 10 Tage

Gestern Wandern, heute Fahrrad fahren. Eine schöne und angenehm genügsame Tour über gut 30 Kilometer führt uns bis Sassnitz.
Ein weiterer Tag wunderschönen Rekom-Trainings, welches lediglich merkliche Folgen an meinem Hintern zurücklässt.
Ich bin Fahrradfahren eben nicht mehr gewohnt…
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M + 13 Tage

Es ist soweit. Draußen regnet es sanft. 16 Grad. Herbst.
Und was ist der Herbst?
Richtig, die schönste Läufer-Jahreszeit.

Also schnürt sich Marathom die Trainingsgeräte an die (hoffentlich) erholten Füße, wirft sich in herbsttaugliche Läuferklamotten und — dreht endlich die erste Runde im Laufschritt seit dem Tag M !
Wundervolle 13 Kilometer auf meiner, eigentlich, traditionellen Neujahrs-Runde möchte ich heute absolvieren. Die ersten 3 Kilometer sind meine Beine noch nicht so ganz glücklich mit der Idee, aber danach läuft´s umso besser.
Was ich an dieser Strecke besonders mag ist die Tatsache, dass es ein bißchen auf und ab geht. Also, nach Brandenburger Maßstäben. Ich nenne das mal „Bahnbrückenhügelig“, aber es macht Spaß und ist immerhin nicht ganz flach!

Das Ergebnis schließlich entspricht auch in der Statistik allen positiven Erwartungen: Freestyle im erholten Zustand!

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M + 14 Tage

Ich habe es getan.
Gerade eben.
Erst kurz nachgedacht, dann gemacht. „Wer zuviel nachdenkt kehrt um“, hat eine wertvolle Bekanntschaft während einer Berghütten-Wanderung mal gesagt. Weise Worte.

Also: nur kurz nachgedacht. Ganz ohne geht´s wohl nicht.
Aber dann…
Zunächst aus Traditionsgründen: eine Anmeldung für den Berliner Halbmarathon 2015.
Tja, weil es ja gerade auch so schön passt, eben noch schnell das hier erledigt: 😉

HamburgMJawoll, ich tue es wieder. Wohl wissend, dass auch der 26. April eine heiße Herausforderung, im Wortsinne, werden kann 😉 , ich nehme sie an!

Das wird meine zweite Wiedergeburt als Marathom, und Hamburg ist definitiv eine Fuß-Reise wert. Der Countdown oben ist schon mal gesetzt, das Ziel gebucht.
Und weil es ja beim Debüt schon so toll geklappt hat denke ich, wir werden das wieder schön gemeinsam wuppen, nicht wahr, meine liebe Leserschaft? 😉
Und zwar egal mit welchem Ergebnis.
Mann, ich freue mich jetzt schon ´drauf… 🙂

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